Bildungspraxis
An der Übertragung einer sinnorientierten Pädagogik in die Praxis arbeitete Franz Fischer von 1954 bis 1970.
Wirklichkeit - Theorie - Praxis
Der Erziehungswissenschaftler und Mitherausgeber des dritten Nachlassbandes, Dietrich Benner, der mit Wolfdietrich Schmied-Kowarzik die bildungskategorialen Schriften sammelte, fasst die Einschätzung der Konkretisierung des Fischerschen Ansatzes genau treffend zusammen:
Eine konkrete Auslegung dieses Ansatzes auf die Schul- und Erziehungswirklichkeit hätte eine „Revolution der Denkungsart“ für die gesamte Erziehungspraxis - für die Lehrerausbildung ebenso wie für die Unterrichtswirklichkeit - mit sich bringen müssen. Ein Lernen auf der Stufe des Prädikativ-Allgemeinen ohne Bezug zum Anspruch der Wirklichkeit ist von hier aus ebenso sinnleer wie die Aufrechterhaltung eines nach Fachwissenschaften ausgerichteten und in diesen zuzuordnenden Fächern gegliederten Unterrichts.
Dietrich Benner, 1975
Über 30 Jahre nach dieser Einschätzung und 50 Jahre nach der Entstehung des Konzeptes hat sich die weltweite Lage dramatisch geändert. Es ist nicht mehr zu übersehen, dass die Verantwortung einer grundsätzlich immer prädikativ-allgemein agierenden Wissenschaft im engeren Sinn ohne den dazugehörigen Verantwortungshorizont für den Menschen sinnlos und existenzgefährdend ist. Wir erleben das hautnah in der Klimaveränderung, und wir nehmen diese verheerende Gefahr auch immer deutlicher in Bezug auf die junge Generation wahr.
Vom Seinsollen des Menschen her gesehen ist das Generationenverhältnis im Sinn einer Bildung der Menschlichkeit die vorausgesetzte - erforschbare und unerforschbare - Wirklichkeit aller pädagogischen Bemühungen. Wie ist hier die Hauptströmung, um der Gefahr zu begegnen? Leider muss man feststellen, von „oben“ wird oft - aufgeschreckt durch Pisa - eine verkürzte Sinndimension verengter Wissenschaftlichkeit verfolgt: Reine prädikative Wissensvermittlung.
Längst gibt es aber aus der Not heraus ermutigende praktische Projekte an der Basis, die positive Wirkungen zeigen - „Treibhäuser der Zukunft“, in denen sinnorientiertes Lernen gelingt (Reinhard Kahl). Rückbesinnungen auf große Pädagogen zeigen, wie gerade auch in menschenverachtenden Zeiten deren Sinnorientierung Nischen der Bildung schufen.
Was fehlt, ist ein übergeordnetes Bewusstsein von solcher Potenz und Allgemeingültigkeit, dass sich das Vielerlei der Ansätze und Ideen wie in einem Magnetfeld ausrichtet und den pädagogischen Raum klärt und zu durchgängiger Wirkung ordnet. Die sinnorientierten Bildungskategorien könnten ein solches Bewusstsein bilden helfen.
© Franz-Fischer-Gesellschaft 2007-2012. Alle Texte auf dieser Homepage, wenn nicht anders vermerkt, von Anne Fischer-Buck.