Der vertikale Zusammenhang der Wissenschaften
Den Begriff der Bildungs-„Kategorie“ entwickelt Fischer von seiner griechischen Wortbedeutung („aussagen“) her als Aussageweise. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, etwas Bestimmtes, d.h. Gemeintes, auszusagen. Wir haben es also bei Kategorien nicht mit einem starren Bedeutungskanon zu tun, sondern mit einer lebendigen Dialektik von Sagen und Meinen. Franz Fischer unterscheidet grundsätzlich zwei verschiedene Aussageweisen: eine auf die Erkenntnis, das Wissen bezogene, theoretisch unendliche Aussageweise, das vertikale System der Bildungskategorien, und eine auf das Handeln bzw. die Motive bezogene, praktisch-endgültige Aussageweise, das horizontale System der Bildungskategorien.
Im horizontalen System der Bildungskategorien beginnt sich z.B. jemand für ein Buch zu interessieren, für seine äußere Gestalt und Farbe, für seinen Inhalt etc., um dann bestimmte Ziele damit zu verfolgen und Zwecke zu verwirklichen, z.B. es zu lesen oder zu verschenken. An einer bestimmten Stelle dieses Prozesses, der vom ersten Aufmerken und erwachenden Interesse bis hin zum Sinn verwirklichenden Handeln reicht, kann das Buch zum Gegenstand unseres wissenschaftlichen Interesses werden, das es in den verschiedenen Disziplinen von der Materialität bis hin zu kulturellen und geistigen Zusammenhängen erforscht. Hier beginnt nun das vertikale System der Bildungskategorien
Das vertikale System der Bildungskategorien, von der Semantik bis zur Theologie, wie wir es hier graphisch als „Baum“ oder als „Jakobsleiter“ dargestellt haben, erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die einzelnen Wissensbereiche geben nur Positionen von möglichen Antworten im Weiterreichen von Fragen wieder, zwischen denen die anderen, hier nicht eigens aufgeführten Wissensbereiche ihre jeweiligen Positionen einnehmen können. Daß das vertikale System mit der Semantik beginnt, hat etwas mit der grundlegenden Bedeutung zu tun, die die Dialektik von Sagen und Meinen für Fischers Begriff der Bildungskategorie hat. Mit der Semantik, mit der Frage, wie es möglich ist, daß ein Wort etwas bedeuten und daß eine Aussage etwas meinen kann, beginnt diese Dialektik überhaupt erst, sich auf alle anderen Wissensbereiche auszuwirken und in ihnen fortzuwirken. Der Glaube am Ende der vertikalen Reihe steht dann nicht einfach für eine religiöse Konfession, sondern für einen, mit Husserl gesprochen, Weltglauben; also einem Glauben daran, daß da etwas ist, auf das sich unser Handeln auswirkt.
Die Dialektik des Sagens und Meinens im vertikalen System der Bildungskategorien besteht darin, daß die einzelnen Wissensbereiche das Gemeinte, z.B. das erwähnte Buch, für das man sich zu interessieren beginnt, aus der unmittelbar erlebten Alltagssituation übernehmen. Die Semantik sagt dann etwas zur Wortbedeutung, läßt aber die Frage nach der Identität als das in der Wortbedeutung Gemeinte offen und reicht sie an die Logik weiter. Die Logik sagt nun etwas zur Identität des sprachlichen Zeichens, läßt aber die Frage nach dem als Identität Gemeinten offen und reicht sie an die Mathematik weiter. Die Mathematik sagt etwas zu den berechenbaren Konfigurationen des identifizierten Gegenstands, läßt aber die Frage nach dem Gemeinten seiner zeitlichen und räumlichen Bezüge offen und reicht sie an die Physik weiter, etc. In der Religion schließlich spricht das Wort aus sich selber und mündet im Handeln, z.B im Lesen oder Verschenken des Buches.
In der Konsequenz gilt für alle Momente des Alltagslebens, daß wir von den Wissenschaften zurecht dies als ihren mindesten Ertrag erwarten dürfen: nämlich daß jede auf ihre Weise zur Bewältigung unseres Alltags das Ihre beiträgt. Dies ist keineswegs im Sinne einer einfachen „Anwendung“ gemeint, weil dann schon der mit den Wissenschaften verbundene Bildungssinn verfehlt wäre und wir, mit Fischer gesprochen, im Egobereich der Wissenschaften verbleiben, anstatt zu unserem Selbst voranzuschreiten. Denn mit dem speziellen Wissen einzelner Disziplinen um die technische Machbarkeit muß immer zugleich das Wissen um die Grenzen der Machbarkeit verbunden sein. Diese Grenzen aber liegen gleichermaßen in uns selbst, also im Menschlichen, das bei allen objektiven Sachansprüchen der Wissenschaften nicht aus dem Auge verloren werden darf, wie auch im weltlichen Zusammenhang, der sich nie vollständig preisgibt, auch nicht im Durchgang durch das vollständige System möglicher Prädikationen.
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