Mintje Bostedt und die Sozialpädagogik im Untergrund

Eine Ausbilderin, die 1934 nach einer Denunziation ihre Schule verlor und ihr Bildungskonzept in einem kleinen Weimarer Seminar unter dem Namen Fröbels weiterführte.

Diese Seite gehörte auf proflexion.de zu einem Nebenstrang: Anne Fischer-Buck begründete ihre eigene pädagogische Haltung ausdrücklich aus der Ausbildung bei ihrer Lehrerin Mintje Bostedt — und damit aus einer Erfahrung von Bildungsarbeit unter Bedingungen, die sie nicht zuließen.

Herkunft

Mintje Bostedt wurde 1897 in Preetz in Schleswig-Holstein geboren, als älteste von sechs Geschwistern. Ihr Vater, ein Schornsteinfegermeister, engagierte sich in der Armenpflege — für seinen Beruf und seine Zeit alles andere als selbstverständlich. 1905 zog die Familie nach Kiel, wegen der besseren Schulen.

Ausbildung bei Anna von Gierke

Eine der besten sozialpädagogischen Ausbildungsstätten jener Jahre war das Jugendheim Charlottenburg in Berlin, gegründet von Anna von Gierke. Dort durchlief Mintje Bostedt erst die Ausbildung für Kindergarten und Hort; nach mehreren Jahren in der Hortarbeit kam die Qualifikation als Schulpflegerin hinzu. Von 1920 bis 1922 übernahm sie die Schulpflege beim Jugendamt in Görlitz.

Anna von Gierkes Ansatz — die individuelle Förderung von Arbeiterkindern und deren kulturelle Bildung — prägte sie dauerhaft. Sie gehörte später zu dem großen Freundeskreis, der zu Anna von Gierke hielt, als diese in der nationalsozialistischen Diktatur als sogenannte Halbjüdin verfolgt wurde.

Bremen: elf Jahre Schulleitung, dann die Entlassung

1923, mit 26 Jahren, wurde Mintje Bostedt Leiterin der Bremer sozialpädagogischen Fachschule. Sie führte die Schule elf Jahre lang und mit erheblichem Erfolg in der Ausbildung. 1934 zeigte eine Schülerin sie an; die Entlassung erfolgte mit der Begründung, sie sei politisch unzuverlässig.

Weimar: ein Konzept im Schutz eines Namens

Noch im selben Jahr übernahm sie in Weimar die Leitung eines kleinen privaten sozialpädagogischen Seminars, das beim Thüringer Fröbelverein angesiedelt war. Dort setzte sie ihr Bildungskonzept unbeirrt fort. Möglich war das, weil sie sich fortwährend auf Friedrich Fröbel berufen konnte, dessen Pädagogik sie eigenständig weiterentwickelte. Den Machthabern galt Fröbel als vorbildhafte Gestalt für die Jugend, weil er als Lützower Jäger gegen Napoleon gekämpft hatte; was er pädagogisch vertrat, war ihnen unbekannt. Für Mintje Bostedt und ihr Kollegium blieb die Arbeit dennoch dauerhaft gefährlich: Sie konnten jederzeit auffliegen.

Warum dieser Text hier steht

Die frühere Seite verband diese Lebensgeschichte mit ihrem eigenen Anliegen. Widerstand bedeute heute nicht mehr, einer Diktatur auszuweichen, sondern einer auf Wissen und Leistung verengten Auffassung von Bildung eine andere entgegenzuhalten. Die Erfahrung, ein Bildungskonzept gegen den Druck der Verhältnisse durchzuhalten, war für Anne Fischer-Buck der Grund, Fischers Sinn-Philosophie konsequent von der gelebten Praxis her zu erklären.

Zur Person gibt es auch einen Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia; die frühere Seite verwies ausdrücklich darauf.