Ein Leben für die reine Philosophie

Franz Fischer wurde 41 Jahre alt. In diesen Jahren entstand ein Werk, das seine Zeitgenossen überging und das erst Jahrzehnte später gelesen wurde.

In Franz Fischers Schriften kommt sein eigenes Leben nicht vor. Ihm ging es um allgemeingültige Erkenntnis, auch dort, wo er nach dem Sinn des Menschseins fragte. Und doch lohnt der Blick auf die Erfahrungen, aus denen dieses Denken hervorging.

Herkunft und Krieg

Franz Fischer kam 1929 in Neunkirchen in Niederösterreich zur Welt. Er wuchs in bäuerlichen Verhältnissen auf, zuerst in Österreich, später im südmährischen Weinbaugebiet, in einer Dorfkultur, die noch von der österreichisch-ungarischen Welt geprägt war. Zwei Erfahrungen aus dieser Zeit werden in den Darstellungen seines Lebens immer wieder hervorgehoben: die Arbeit auf dem Land, deren Sinn schlicht darin besteht, Leben zu erhalten, und die mehrfach durchlebte Bedrohung der eigenen Existenz, die nicht durch Einzelne, sondern durch den Zusammenhalt der Familie überstanden wurde. Beides taucht in seinen Texten nie als Beispiel auf und ist für sein lebensbezogenes Philosophieren dennoch schwer zu überschätzen.

Mit der Vertreibung 1945 endet diese Herkunft abrupt. Fischer holt das Abitur als Externer in Wien nach und beginnt dort zu studieren — zunächst Landwirtschaft, dann Philosophie, Germanistik und Geschichte, mit deutlichem Schwerpunkt auf der Philosophie.

Wien: der eigene Ansatz

In Wien gehört er bald zum engsten Schülerkreis um Erich Heintel. Die geistige Lage der Nachkriegsjahre ist offen und streitbar, und Fischer setzt sich mit fast allem auseinander, was ihm begegnet: mit Robert Reininger, mit Vertretern des Wiener Kreises, mit der Dialogphilosophie, mit dem Sozialismus und mit der evangelischen Theologie. Um 1950 sucht er einen eigenen Zugang zur Geschichte der Philosophie von der Antike bis zum Deutschen Idealismus, und 1954 stellt er dem Heintelkreis sein eigenes Konzept vor: die Theorie des Sinnes von Sinn. Die erkenntnistheoretischen Schriften dazu entstehen zwischen 1950 und 1956, darunter die Dissertation Systematische Untersuchungen zum Affinitätsproblem von 1956. In dieselben Jahre fällt eine Tätigkeit, die zu einem Philosophen dieser Strenge zunächst nicht zu passen scheint: Fischer arbeitet zeitweise als Bewährungshelfer für Jugendliche, die aus dem Strafvollzug entlassen wurden.

Bonn: vom Sinn zur Bildung

1955 holt Josef Derbolav ihn an das Erziehungswissenschaftliche Institut der Universität Bonn. Dort überträgt Fischer seinen sinntheoretischen Ansatz auf Grundfragen der Erziehung: Es entstehen die Texte zur Erziehung des Gewissens und, als von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Projekt, die Theorie der Bildungskategorien im System der Wissenschaften. Der Kern dieser Jahre lässt sich in einem Satz sagen: Zwischen Philosophie und Pädagogik besteht kein Anwendungsverhältnis, sondern eine Parallelität — beide beziehen sich auf alle Einzelwissenschaften, nur mit verschiedener Aufgabe.

1956 heiratet Fischer die Sozialpädagogin und Psychologin Anne Buck, die seine Arbeit begleitet und sein Konzept später ins Praktisch-Pädagogische übersetzt und in der sozialpädagogischen Ausbildung erprobt. 1958 und 1959 werden die Kinder Therese und Anton geboren.

Norderstedt: die Proflexionsschriften

Von 1960 an versucht Fischer, die logischen Ergebnisse seiner Sinntheorie einen Schritt über die Schwelle reiner Wissenschaft hinauszutragen, hin zu einer positiven Bestimmung des Handelns. Aus diesem Versuch gehen die Proflexionsschriften hervor. Drei Jahre lang trägt ihn ein Forschungsstipendium des Evangelischen Studienwerks Villigst zum Thema Die Dialektik der Gesellschaft; danach arbeitet er unabhängig von jeder Universität weiter, als freier Wissenschaftler, zuletzt in Norderstedt bei Hamburg. 1965 erscheint der einzige Band, den er zu Lebzeiten selbst herausbringt: Proflexion und Reflexion, Bonn, A. Henn Verlag.

1970 stirbt Franz Fischer in Norderstedt, einundvierzig Jahre alt. Auf seinen Wunsch hin verwalten der Philosoph Wolfdietrich Schmied-Kowarzik und Anne Fischer-Buck gemeinsam den Nachlass. Aus ihm gehen zwischen 1975 und 1985 die vier Bände hervor, in denen das Werk heute vorliegt.

Wirkung

Zu Lebzeiten blieb die Resonanz aus. Fischers erste Schülerin Ursula Cillien-Naujeck hielt 1994 fest, seine didaktische Konzeption sei zu ihrer Zeit erfolglos geblieben, weil die Zeitgenossen den Ernst der Fragestellung weithin nicht verstanden hätten — und verband damit die Hoffnung, sie könne endlich verstanden werden. Dietrich Benner urteilte 1975, eine konkrete Auslegung dieses Ansatzes hätte für die gesamte Erziehungspraxis eine Revolution der Denkungsart bedeutet.