Sinnorientierte Pädagogik und Bildungspraxis

Zwischen Philosophie und Pädagogik besteht für Fischer kein Anwendungsverhältnis, sondern eine Parallelität. Was das für Bildung heißt — und warum daraus eine scharfe Kritik an der Gegenwart folgte.

Diese Seite fasst zusammen, was die früheren Rubriken „Sinnorientierte Pädagogik“ und „Bildungspraxis“ enthielten. Beide gehören zusammen: die eine bestimmt das Verhältnis von Theorie und Erziehung, die andere fragt, was sich daraus tun lässt.

Kein Anwendungsverhältnis

Der übliche Zuschnitt lautet: Die Philosophie liefert Grundsätze, die Pädagogik wendet sie an. Fischer bestreitet genau das. Für ihn stehen beide parallel zueinander, weil beide sich auf sämtliche Einzelwissenschaften beziehen — die eine, indem sie nach deren Sinn fragt, die andere, indem sie fragt, wie deren Inhalte einem Menschen zugänglich werden. Keine ist der anderen nachgeordnet.

Entwickelt hat er diesen Gedanken zwischen 1955 und 1962 am Erziehungswissenschaftlichen Institut der Universität Bonn, im Umfeld Josef Derbolavs.

Wissen, Können, Gewissen

Die Sinntheorie hat an dieser Stelle eine sehr konkrete Aufgabe: Sie legt offen, wie sich Wissen, Können und Gewissen zu dem verbinden, was wir Bildung nennen. Keines der drei genügt für sich. Wissen ohne Können bleibt folgenlos, Können ohne Gewissen wird beliebig, Gewissen ohne Wissen bleibt blind. Der Pädagogik fällt danach die Aufgabe zu, zu erforschen, wie dieser Zusammenhang didaktisch nutzbar wird — also wie Unterricht so angelegt sein kann, dass er nicht bloß Stoff überträgt.

Eine Revolution der Denkungsart

Wie weitreichend das gedacht war, hat Dietrich Benner 1975 als Mitherausgeber des dritten Nachlassbandes festgehalten: Eine konkrete Auslegung von Fischers Ansatz hätte für die gesamte Erziehungspraxis eine Revolution der Denkungsart bedeutet. Die frühere Seite zitierte diesen Satz als ihr eigentliches Kernzitat.

Aktualisierung

Die Rubrik „Bildungspraxis“ zog daraus eine Gegenwartsdiagnose. Eine Wissenschaft, die nur allgemeine Aussagen produziert und keinen Horizont der Verantwortung mitführt, ist unter den heutigen Bedingungen nicht neutral, sondern existenzgefährdend — die Klimaveränderung und die Lage der jungen Generation werden ausdrücklich als Belege genannt. Positiv verwies die Seite auf Reinhard Kahls Film Treibhäuser der Zukunft als Beispiel für eine Schulpraxis, die diesen Zusammenhang ernst nimmt.

Nicht weniger scharf war das Urteil über die zurückliegenden Jahrzehnte: Wäre dieser Ansatz aufgenommen worden, so die These der früheren Seite, hätte er weder die Irrwege der späten sechziger Jahre noch die nach Pisa eingetretene Verengung auf messbare Leistung zugelassen.