Der Begriff Proflexion

Ein Wort, das Franz Fischer selbst gebildet hat, um eine zweite Richtung des Denkens zu benennen: nicht zurück auf das Gegebene, sondern voraus auf das Aufgegebene.

Proflexion ist kein Fachwort aus der Tradition. Es ist eine Prägung Franz Fischers, und sie trägt den Namen der letzten zehn Jahre seiner Arbeit.

Gegeben
Aufgegeben

Reflexion fragt zurück nach dem, was den Menschen immer schon ausmacht. Proflexion fragt voraus nach dem, was ihm fortwährend aufgegeben bleibt.

Herkunft: eine umgedrehte Vorsilbe

Reflexion heißt wörtlich Zurückbeugen. Das Denken wendet sich auf das zurück, was ihm vorliegt — auf ein Ergebnis, eine Erfahrung, auf sich selbst. Franz Fischer bildete dazu ein Gegenwort aus derselben lateinischen Wurzel, indem er die Vorsilbe umkehrte: pro- statt re-, nach vorn statt zurück. Proflexion meint das Denken, das sich nicht auf Gewordenes richtet, sondern auf das, was einem Menschen aufgegeben ist.

Das Wort benennt zugleich eine Arbeitsphase. Von 1960 bis 1970 — die letzten Jahre unabhängig von jeder Universität, in Norderstedt bei Hamburg — entstanden die sogenannten Proflexionsschriften. 1965 erschien in Bonn im A. Henn Verlag der einzige Band, den Fischer zu Lebzeiten selbst herausbrachte: Proflexion und Reflexion; 2007 wurde er erweitert neu aufgelegt. Der vierte und letzte Nachlassband, Proflexion — Logik der Menschlichkeit, versammelte 1985 unter der Herausgeberschaft von Michael Benedikt und Wolfgang W. Priglinger die Texte dieser Jahre.

Zwei Richtungen, in denen ein Mensch nach sich fragt

Fischer stellt Reflexion und Proflexion nicht als richtig und falsch gegenüber, sondern als zwei Grenzfälle dessen, was er die Logik der Menschlichkeit nennt. Beide setzen bei derselben Frage an — was heißt es, ein Mensch zu sein? —, aber sie laufen in entgegengesetzte Richtungen: reflexiv und theoretisch zurück auf das, was am Menschsein immer schon gegeben ist, proflexiv und praktisch voraus auf das, was an ihm fortwährend aufgegeben bleibt. Wolfdietrich Schmied-Kowarzik, der Fischers Nachlass mitverwaltet, hat diese Doppelbewegung im Anschluss an Martin Buber beschrieben: zwei Grundhaltungen, die einander ausschließen und entgegengesetzte Folgen haben — und die gerade deshalb zusammengehören.

Der Unterschied lässt sich an einer Entscheidung zeigen. Wer reflektiert, prüft Gründe, ordnet Erfahrungen und sucht nach dem, was der Fall ist. Wer proflektiert, fragt danach, wofür er einsteht — und das ist keine Frage nach Tatsachen, sondern eine nach Verantwortung. Sie lässt sich nicht dadurch beantworten, dass man genauer hinsieht.

Das Tor an der Grenze

Schon 1953, mehr als zehn Jahre vor der ersten Proflexionsschrift, hatte der noch nicht Fünfundzwanzigjährige das Bild gefunden, das später zum Leitmotiv der ganzen Idee wurde:

Indem die Philosophie ihre Grenze und die Grenze der Menschen erkennt, wächst sie über sich als Wissenschaft vom Leben hinaus und tut das Tor in das gelebte Leben auf. Als Wissen von der Grenze ist sie positive Entscheidung forderndes Gewissen des Menschen.

Franz Fischer, 1953

Das Tor steht an der Stelle, an der die strenge Wissenschaft an ihr Ende kommt, ohne dass die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens damit erledigt wäre. Hindurchzugehen ist selbst kein philosophischer Akt mehr — Fischer nennt es den Übergang zur Positivität. Proflexion ist der Name für das Denken, das an dieser Schwelle nicht stehen bleibt.

Die Rolle des Begriffs in Fischers Denken

Fischers frühe Wiener Schriften, entstanden zwischen 1950 und 1956, arbeiten die Theorie des Sinnes von Sinn erkenntnistheoretisch aus. Die Bonner Jahre ab 1955 übertragen sie auf Erziehung und Bildung. Die Proflexionsschriften sind der dritte Schritt: der Versuch, die logischen Ergebnisse dieser Theorie über die Schwelle der reinen Wissenschaft hinaus in eine positive Bestimmung des Handelns zu tragen.

Dafür wechselt Fischer die Sprache. An die Stelle der Begriffsarbeit treten Sprachbilder, die unmittelbar verstanden werden wollen. Er selbst sprach von einer Handreichung: kein System mehr, sondern ein Kompass für die Richtung, in der ein Leser seine eigenen Entscheidungen trifft. Wer den Begriff versteht, versteht darum auch, warum die Texte der letzten Jahre anders klingen als die Dissertation.

Was Proflexion nicht ist

  • Keine Planung und keine Prognose. Die Richtung nach vorn meint nicht die Zukunft als Zeitraum, sondern das Aufgegebene als Anspruch. Wer plant, rechnet mit dem, was kommen wird; wer proflektiert, antwortet auf das, was sein soll.
  • Keine Absage an die Reflexion. Beide Haltungen sind Grenzfälle derselben Logik. Fischer hat die reflexive Strenge nie preisgegeben — sein Weg zur Proflexion führt mitten durch sie hindurch.
  • Kein Bekenntnis. Der Schritt durch das Tor ist eine Entscheidung, aber sie wird von keiner Lehre vorgeschrieben. Sie wird jedem Einzelnen zugemutet.