Einfall
Gespräch
Eine Philosophie der Gegenseitigkeit, die im Alleingang entstanden wäre, hätte sich selbst widersprochen.
Wien: Reininger, Heintel und ein Kreis von Studenten
Nach der Vertreibung 1945 holte Franz Fischer in Wien das Externistenabitur nach und studierte zunächst Landwirtschaft, dann Philosophie, Germanistik und Geschichte — vor allem Philosophie. Er kam aus der Schulrichtung des transzendentalen Idealismus, wie sie an der Wiener Universität Robert Reininger begründet und Erich Heintel fortgeführt hatte, und gehörte zum engsten Schülerkreis Heintels.
Anne Fischer-Buck hat später beschrieben, was diesen Kreis ausmachte: Der noch junge Lehrer eröffnete seinen Studenten die Ehrfurcht vor den großen Philosophen, und die jungen Leute, die sich um die neue Idee und ihren Autor scharten, fühlten sich, wie sie schreibt, „am Tisch des Sokrates“. 1954 stellte Fischer diesem Kreis seine eigene Konzeption vor, die Theorie des Sinnes von Sinn. Bereits als Fünfundzwanzigjähriger hatte er ihre Grundzüge in Heintels Seminar in einem Referat über Sinn und Wirklichkeit entwickelt.
Der Wiener Kreis war das Gegenüber, nicht die Heimat
Eine Verwechslung liegt nahe und ist falsch: Fischer gehörte nicht zum Wiener Kreis, jener Gruppe um den logischen Empirismus, deren Name bis heute für das Wien der Zwischenkriegszeit steht. Er setzte sich mit ihren Vertretern auseinander — so wie mit der Dialogphilosophie, mit dem Sozialismus und mit der evangelischen Theologie. Die Lebendigkeit der Wiener Nachkriegszeit bestand gerade darin, dass diese Richtungen einander begegneten. Fischers eigener Weg führte von 1950 an durch die Geschichte der Philosophie von der Antike bis zum Deutschen Idealismus.
Bonn: Derbolav und die künftigen Lehrerinnen und Lehrer
1955 holte Josef Derbolav ihn an das Erziehungswissenschaftliche Institut der Universität Bonn. Dort wiederholte sich die Wiener Konstellation, nur mit vertauschten Rollen: Jetzt war Fischer der Lehrer, und aus der gemeinsamen Bildungsaufgabe mit Derbolav und den Lehramtsstudierenden entstand erneut jenes ständige Fragen, das Ergebnisse offen hält. In diesen Jahren übertrug er den sinntheoretischen Ansatz auf die Erziehung des Gewissens und erarbeitete, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, seine Theorie der Bildungskategorien.
Danach: zehn Jahre Einsamkeit, dann wieder eine Gruppe
Die zehn Jahre bis zu seinem Tod 1970 arbeitete Fischer weitgehend allein, unabhängig von der Universität. Der Zeitgeist nahm eine andere Richtung — für eine Philosophie, die aus dem Gespräch lebt, war das ein Widerspruch in der Sache selbst. Was blieb, trugen wenige weiter: Wolfdietrich Schmied-Kowarzik und Anne Fischer-Buck verwalten auf Fischers Wunsch hin den Nachlass; Heintel, Derbolav, Dietrich Benner, Michael Benedikt und Wolfgang W. Priglinger gaben zwischen 1975 und 1985 die vier Bände heraus; Thomas Altfelix bildete an der Universität Potsdam eine Forschungsgruppe zu Fischers Begriffssprache.