Fischers Begriffssprache

Siebzehn Wörter, die bei Franz Fischer etwas anderes bedeuten als im gewöhnlichen Sprachgebrauch — kurz erklärt, als Einstieg, nicht als Lehrbuch.

Fischers Sprache ist die erste Hürde. Viele seiner Wörter sind gewöhnlich und meinen etwas Ungewöhnliches; einige hat er selbst gebildet.

Warum ein Glossar

Wer zum ersten Mal einen Text Franz Fischers aufschlägt, stolpert nicht über die Argumente, sondern über die Wörter. Sinn, Wirklichkeit, Gewissen, Positivität — alles vertraute Ausdrücke, die bei ihm eine genau bestimmte Stelle in einem Gedankengang besetzen und dort etwas anderes tragen als im Alltag. Ohne diese Stelle zu kennen, liest man an den Sätzen vorbei.

Zwei Wege, die schon einmal versucht wurden

Die Franz-Fischer-Gesellschaft hat das Problem früh gesehen und zwei ganz verschiedene Antworten darauf nebeneinandergestellt. Thomas Altfelix bildete mit Studierenden der Universität Potsdam eine Forschungsgruppe und sammelte zu jedem Begriff die bezeichnendsten Stellen aus dem Gesamtwerk; eine definitorische Beschreibung sollte als zweite Stufe folgen. Anne Fischer-Buck ging den umgekehrten Weg: statt zu definieren, erzählte sie erlebte Geschichten, die ahnen lassen sollten, welche Wirklichkeit ein Begriff meint.

Beide Glossare standen auf der alten Website. Im Internet Archive sind sie nicht erhalten geblieben — überliefert ist nur, dass es sie gab und wie sie angelegt waren. Die folgenden Erklärungen sind deshalb keine Rekonstruktion dieser Arbeit, sondern unsere eigene kurze Orientierung, aus den erhaltenen Seiten erschlossen. Wer es genau wissen will, liest die Quelle: die vier Nachlassbände.

Wie diese Liste zu lesen ist

Die Begriffe stehen nicht alphabetisch, sondern in der Reihenfolge, in der sie sich gegenseitig stützen: erst die Grundfrage, dann die beiden Richtungen des Denkens, dann die Schwelle, dann die Wörter aus Erkenntnistheorie und Pädagogik. Wer von oben nach unten liest, hat den Gedankengang einmal durchlaufen.

Siebzehn Begriffe

Sinn von Sinn

Fischers Grundfrage und der Titel seiner ersten Konzeption von 1954. Nicht: welchen Sinn hat dies oder jenes — sondern: was heißt überhaupt Sinn, und woher hat er selbst seinen Sinn.

Proflexion

Von pro- (nach vorn) statt re- (zurück). Das Denken, das sich auf das richtet, was dem Menschen aufgegeben ist, und nicht auf das, was ihm vorliegt.

Reflexion

Bei Fischer kein Schimpfwort, sondern der Gegenfall: das theoretische Zurückfragen auf das immer schon Gegebene des Menschseins. Proflexion schließt sie aus und setzt sie voraus.

Logik der Menschlichkeit

Der Rahmen, in dem Reflexion und Proflexion die beiden Grenzfälle sind. Titelgebend für den vierten Nachlassband von 1985.

Grenze

Nicht die Schranke des Wissens, sondern die Stelle, an der die Wissenschaft ihre eigene Zuständigkeit erkennt. Erst dort beginnt bei Fischer die entscheidende Frage.

Das Tor

Fischers Bild von 1953 für diese Grenze: Wo die Philosophie sie erkennt, öffnet sie den Durchgang ins gelebte Leben — durchschreiten muss ihn jeder selbst.

Positivität

Was jenseits des Tores liegt. Kein philosophischer Satz mehr, sondern die Entscheidung zum Handeln. Fischers späte Texte nennen sich deshalb positive Philosophie.

Geistiger Glaube

Fischers Name für den Schritt durch das Tor. Gemeint ist eine Entscheidung, die aus der Einsicht in die Grenze folgt — nicht die Zustimmung zu einem Glaubenssatz.

Handreichung

Die Form, die Fischer seinen späten Texten gibt. Statt Begriffsarbeit Sprachbilder, die unmittelbar verstanden werden wollen: ein Kompass für die Richtung, nicht eine Landkarte des Ziels.

Wirklichkeit

Der übergeordnete Ausdruck, der kein Begriff sein kann, weil er auch einschließt, was wir nicht begreifen. Wir müssen ihn voraussetzen — sonst gäbe es nichts zu erforschen.

Gemeintes

Die Weise, in der Wirklichkeit im Denken überhaupt vorkommt: immer schon gemeint, ob bewiesen oder nicht. Der Ausdruck hält die Stelle offen, die kein Begriff besetzen kann.

Sinnhorizont

Das Ergebnis der Sinntheorie. Nicht ein absolutes Wissen wie bei Hegel, sondern Horizonte, in deren Anspruch wir als Fragende stehen — Schelling näher als Hegel.

Affinität

Titelbegriff der Dissertation von 1956, in der Fischer seine Konzeption kritisch grundlegt — in Anknüpfung an und zugleich Abgrenzung von Kant, Hegel und Schelling.

Gewissen

Bei Fischer keine moralische Instanz, sondern eine Stufe im Aufbau der Bildung: der Ort, an dem Wissen und Können auf Verantwortung treffen. Thema des zweiten Nachlassbandes.

Bildungskategorien

Die Ordnung, in der sich Wissen, Können und Gewissen zu Bildung verbinden — von Fischer ab 1955 in Bonn als DFG-Projekt ausgearbeitet, 1975 als dritter Nachlassband erschienen.

Prädikativ-Allgemeines

Wissen, das etwas über etwas aussagt, ohne den Anspruch der Wirklichkeit mitzuführen. Lernen auf dieser Stufe allein bleibt nach Fischer sinnleer.

Gedachtes und Denken

Die Unterscheidung zwischen den fertigen Denkgebäuden, die in Büchern stehen und sich nicht mischen lassen, und dem lebendigen Denken der Menschen, die darin ein- und ausgehen.